Studieren

Intensivstudium an der Uni St.Gallen. Liefere vorzeitig eine Prüfung zum Thema Recht ab, will aus dem Weiterbildungszentrum Holzweid. Zufällig treffe ich eine Frau im Foyer. Portugiesin? Sie arbeitet im Unterhaltsdienst, Putzfrau quasi. Wir kommen ins Gespräch: Ja, es gebe einiges aufzuräumen, wenn sich sechs Gruppen mit dem selben Thema befassen. In den Räumen bleiben volle Flipcharts zurück, Pinnwände, Unterlagen. Und was macht die junge Frau? Sie fotografiert Flipcharts, studiert Gruppenergebnisse, liest Skripts. Weiterbildung en passant, Chapeau! 
Ob das ganz im Sinn der Uni ist? Nun, jedenfalls wird dort gelehrt, wie wichtig es ist, Wissen zu teilen. Und meine Schlussfolgerung:
Man kann bei jeder Arbeit studieren.

Kopfkissen

23. Dezember 2016, 16.25 Uhr, Mail-Eingang. Lese, bin nicht besonders überrascht. Alles im längst erwarteten Rahmen. Bis auf die letzten zwei Sätze im Mail. Da gibt es so Fragmente wie „wir verweisen Sie darauf“ – mit Betonung auf „Sie“. Und „fällige juristische Schritte einleiten“. Fällige, nicht allfällige. Es ist die Rede von „publizistisch aufnehmen“, was „sicher nicht nötig“ sein werde. Aha, eine unverblümte und unnötige Drohung. 
Reaktion? Sofort in die Tasten hauen. Zu den Fakten einen zornigen Exkurs zurückschreiben, was man von solchem Geschäftsgebaren halte. Nicht wegen der Rechtslage oder der Sache selbst, wegen des Tons. Alles hat Grenzen.
Wenn man früher am Abend einen geharnischten Brief schrieb, konnte man ihn am Morgen noch aus dem Postausgang fischen. Erkenntnis des Schlafs: Nicht überreagieren, auf unprofessionell professionell reagieren. Gelingt nicht immer. Und Asche aufs Haupt: man machts selbst nicht immer besser. 
Heute liegt zwischen Schreiben und Senden nur ein Mausklick. Der Zeitdruck ist hoch. Unters Kopfkissen legen, drüber schlafen ist noch schwieriger geworden. Aber nötiger.

Wunsch

Weihnachtszeit, Jahres-Ende. Wir wünschen uns eine beschauliche Adventszeit, ein geruhsames Weihnachtsfest im Kreis der Lieben, Glück und Gesundheit im Neuen Jahr. Ich schliesse mich gern an, wünsche Ihnen das Allerbeste.

Es wird wiederum so sein, dass man nicht jeden Gruss, jede Aufmerksamkeit, jedes Geschenk in gleichem Mass zurückgeben konnte, wie es sich eigentlich gehören würde. Wie soll man damit umgehen, ohne in inneren Stress zu geraten? Diesen Stress, den niemand wollte und der diese festliche Zeit ins Gegenteil des Beschaulich-Geruhsamen verkehrt?

Schreiben Sie sich auch selbst eine Karte, zu Weihnachten und zu Neujahr, stellvertretend für alle, die es nicht mehr geschafft haben, Ihnen zu schreiben, zum Beispiel ich. Danke!

Einfall

„Das hätte ich doch noch sagen wollen! Und warum ist mir dieses Argument erst jetzt eingefallen?“ Wer frei vor Menschen spricht, dürfte dieses Problem kennen. Oft glaubt man, der einzige zu sein, dem die massgeschneiderte Antwort erst nachher einfällt. Die allgemeine Umfrage an einer Bürgerversammlung ist so ein Feld. Hier kann man klar denken bei erhöhtem Puls testen. Die „richtige“ Antwort auf die durchbrennenden Strassenlampen ist mir auf dem Heimweg eingefallen. Und von den Unterflurbehältern und Abfallsammelstellen habe ich geträumt. Darauf hätte ich allerdings verzichten können – auch ohne Argument.

Doppel

„Das Bürgerrecht, wozu braucht man das überhaupt? Könnte man nicht ganz gut auch ohne in der Schweiz leben?“ Das war gestern eine Frage am Stammtisch. In der heutigen mobilen, ja flüchtigen Welt, kann man sich das durchaus fragen. Schliesslich darf man sich ja auch ohne Bürgerrecht hier aufhalten, wenn man darf.Wurzeln schlagen ist ein langsamer Prozess. In der Natur staunt man, wo er überall gelingt, auf Steinbrocken, im Wasser, an den unwirtlichsten Orten. 

Wurzeln schlagen bedeutet das Ende der Mobilität. Einmal verwurzelt, ist die Umgebung, die Nachbarschaft bestimmt. Man tritt in eine Symbiose ein, kann nicht mehr schnell weg. Da lohnt es sich zu wissen, wo man wurzeln will. Und wer dieser Nachbar ist. Gegenseitig. Es braucht Regeln, sorgfältige Prozesse. Weil das Bürgerrecht verpflichtet. 

Was ich noch nicht herausgefunden habe: Was ist der sachliche Grund dafür, dass man ein Doppelbürgerrecht haben kann? 

Multi

Jeder versuchts und keiner kanns – Multitasking. Selbst der PC kann’s nicht wirklich. Es nervt, wenn der Virenscanner im Hintergrund bremst. Versuchte heute trotzdem, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Bin Gescheitert. Strategien entwickeln, diskutieren und gleichzeitig einen Text schreiben geht einfach nicht. Was mich beruhigt, ich bin damit nicht allein. Schon beim Telefonieren werde es kritisch, haben Forscher aus Utah in einem klinischen Test festgestellt. Die Fehlerquote sei vergleichbar mit 0,8 Promille Alkohol im Blut. Und eine Kollegin sagte mir, dass sie schon bügeln und fernsehen könne. Sie könne sich dann einfach an nichts mehr erinnern. Fokussieren! Sonst können wir’s gleich vergessen.

Ansage

Was haben Metzger, Banker, Gefängniswärter, Lokführer, Google-Mitarbeitende, Pflegende und ganze Nationen gemeinsam? Ihre Zufriedenheit wird erforscht und regelmässig thematisiert. OECD, Gallup, WHO, Hochschulen und Verbände kommen in ähnlichen Fragen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Erkenntnis: Das Glück der Andern macht nicht sicher auch glücklich. Und der beste ist der zweite Platz, man kann noch glücklicher werden. Bei Unternehmen und Gemeinden geht der Puls höher, wenn wieder ein Ranking publiziert wird. Bis das nächste bessere Ranking der Hektik die Grundlage entzieht, aus unerklärlichen Gründen. 

Der Gemeinderat geht an die Planung der nächsten vier Jahre. Er wird Prioritäten setzen und sich fragen: was bringt uns vorwärts? Ein anspruchsvoller Prozess, weil sich Politik oft darauf beschränkt, das Unglück gleichmässig zu verteilen. 
Vor 4 Jahren las ich im Tagblatt von Anna Beck. Die damals 12-jährige Uzwilerin fragte, ob sie ihr Glück auch voranmelden könne. Sie habe einen 20-Kilometer-Lauf in der Schule und freue sie so darauf!

Glück voranmelden, das ist ein Ansatz! Ich melde uns einmal an, vorsorglich. Und sage Ihnen in vier Jahren, wo wir überall Glück hatten.

Beherzt

„Zurücktreten, Stromstoss!“ Der Defibrillator gibt klare Kommandos. Und will, dass man die Herzmassage sofort fortsetzt, von Hand. Das ist keine Kunst und logisch, von der Einschätzung der Situation bis zum ‚Handwerk‘. Ob jeder tut, was jeder kann? Das Herz braucht beherztes Handeln, wenn es aus dem Takt gefallen ist. Dieses Handeln kann man nicht an Maschinen delegieren.

Der Gemeinderat will nur dann weitere Defibrillatoren öffentlich zugänglich machen, wenn die Bevölkerung interessiert und ausgebildet ist. Der grüne Kasten soll etwas nützen und nicht das schlechte Gewissen des Nichtstuns delegieren helfen. Der erste Kurs war gut besucht, weitere folgen. Ich bin gespannt, wie beherzt die Uzwiler Bevölkerung wiederbleben will.

PS: Auch wer nicht wiederbelebt werden will, sollte an den zweistündigen Kurs gehen. Erstens wird auch das behandelt und zweitens macht man das ja nicht für sich.

Denksekunde

1984. Fotokurs bei Seklehrer Sepp Hersche. Alles mechanisch und chemisch, nichts digital. Zuerst die Frage: was willst Du, welche Emotionen soll Dein Bild ansprechen? Dieses dann finden, herstellen oder inszenieren. Dazu tausend Fragen klären: Mensch, Tier, Objekt? Bewegtes Bild, stehendes Objekt? Wie laufen die Linien? Wo Nähe, wo Distanz? Wie fällt das Licht? Mein Versuchsobjekt: Ich will die Autobahn nachts fotografieren. Also Stativ aufstellen, Kamera mit Drahtauslöser und Objektiv mit der richtigen Brennweite montieren, Film mit der richtigen ISO einlegen, Lichtverhältnisse messen, Bildausschnitt mit Mond wählen, Blende auf, mit der Verschlusszeit experimentieren. In der Dunkelkammer kommt die Arbeit ans Licht: Die Negative, dann die Abzüge entwickeln, Überraschung inklusive! Eine abendfüllende Arbeit bei einem geduldigen Lehrer. Seine Arbeit wurde nicht fotografiert, anders als im Zeitalter die digitalen Fotografie, wo alles bildlich festgehalten wird. Sie ist dennoch in bester Erinnerung, ebenso wie das Zaudern, das man hat, bevor man – für ein gutes Bild – über einen Zaun klettert. Dieses Zaudern ist wertvoll. Es verschafft die Denksekunde zur Frage: Was genau wolltest Du?

Termin

Seniorenzentrum. Dr. Daniel Inglin informierte kürzlich Angehörige von Senioren und Mitarbeitende zum Thema Demenz. Ein Thema, das in aller Munde ist, nur wenige wissen Bescheid. Demenz zeige sich nebst zunehmender Vergesslichkeit am sozialen Rückzug, an der Tendenz zur Verwahrlosung und kleinen Veränderungen in der Persönlichkeit. Das mache auch Angst, wenn man sich selbst beobachte. Er orientierte, wie man eine gute gemeinsame Zeit mit einer dementen Person gestalten kann, ohne sich und das Gegenüber zu überfordern.

Zum Glück erläuterte Dr. Daniel Inglin verschiedene Formen der Vergesslichkeit. Ich hatte den Termin «Demenz» schlicht und einfach vergessen!