Fehler

Abstimmungssonntag. Renate Höhener und Cornelia Stauffer, die beiden Stimmenzählerinnen, sind ausgesperrt. Sie stehen vor dem verschlossenen Pfarrhaus in Henau. Jahrelang hat es bestens geklappt. Die beiden konnten die Urne im geheizten Vorraum ‚hüten‘. Ausgerechnet an diesem kalten Morgen ist das Haus zu. Wer hat einen Schlüssel? Bis dieser aufgetrieben ist, ist die Hälfte der Öffnungszeit vorbei, haben 20 Leute abstimmen wollen, sind die Damen durchgefroren. Die beiden Stimmenzählerin bewiesen auch hier Durchhaltevermögen – Danke!

Die Fehlerquelle ist eruiert, ein Ersatzschlüssel künftig greifbar. Und gleichzeitig steht die Frage: Wie gehen wir mit Fehlern und Missgeschicken um? Alles lief richtig. Die Mesmerin hatte das Haus wie stets aufgemacht. Ein Nächster hat pflichtgemäss geschlossen. Wahrscheinlich wird uns dereinst das elektronische Abstimmen, E-Voting, diese überschaubaren Fehler nehmen. Und durch andere ersetzen.

Auslassen

Vor Publikum. Im Geist stellt man sich vor, was und wie man etwas sagen will, übt mehrfach. So oft, bis man es verinnerlicht hat. 
Und dann kommt der Moment des Vortragens. Markus Schwizer, unser Bauverwalter, fragte, kürzlich nach einem Anlass, weshalb ich dies Thema ausgelassen oder vergessen hätte. „Was? Vergessen? Sicher nicht!“
Er lacht mich an: 5 Mal üben ist die sicherste Methode etwas auszulassen und vom Gegenteil überzeugt zu sein.

Durchlässig

Jeder kann alles werden, ob Frau, ob Mann. Egal, wie die Noten in der sechsten Klasse waren, wie sie soziale Herkunft ist. Auch eine Berufsmatura öffnet die Türen zu den Fakultäten. Toll, wie durchlässig Bildung heute ist.
Konsequenz: Weiterbildung! Man ist nie fertig mit lernen. Das setzt Menschen von innen unter Druck. Man genügt dem System und sich nicht. 

Nun liegt das spannende Intensivstudium an der Uni ein Jahr zurück. In meinem Rücken stehen Ordner mit dem versammelten angesammeltem Wissen. Erkenntnis: Ist die Lerngeschwindigkeit höher ist als die Umsetzungsgeschwindigkeit, resultiert Stillstand. Auch das steht sicher in einem Ordner. Und die Lösung?

Schmerz

Einfache Rezepte für komplexe Themen? Gut, wenn es das gibt. Nichts soll komplexer gemacht werden als nötig. Zu einfache Rezepte sind hingegen eine Beleidigung für das Auffassungsvermögen des Gegenüber: traut man (sich) nicht zu, mehr zu begreifen? 

Einreiseverbote, Mauern und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit gehören für mich zu diesen zu einfachen Rezepten, die Unternehmenssteuerreform III zu den zu komplexen. 

Die Lösung sehe ich darin, dass man nicht nur redet oder schweigt, sondern diskutiert. Und danach (!) entscheidet. Prüfstein: Die neue Lösung muss besser sein als die alte, Tempo ist wichtig, Richtung ist wichtiger.
In einer Demokratie gibt es nicht nur das Recht zu reden, man muss auch schweigen dürfen, zweifellos. Solange keine Partei Aussicht hat, 51 % zu erreichen, kann man opportunistisch und parteilos bleiben. Ist diese Marke überschritten, gibt es noch Reden, aber keine Diskussionen mehr. Es könnte sein, dass man sich dann die Augen reibt, selbst wenn man sich zur Mehrheit zählte. Plötzlich müssen Menschen für Versammlungs- oder Medienfreiheit kämpfen, Werte, die uns zu selbstverständlich geworden sind.

Woran man ein demokratisches Recht erkennt? Es ’schmerzt‘ einen, es dem andern zu geben. 

Kompetenzen

Feuerwehrdepot, der Saal dient als Atelier. Ein selbst gebautes Architekturmodell, Handskizzen, Fotos und Symbolbilder prägen den Raum. Die Tische sind zu einem Block zusammengeschoben. Junge Leute arbeiten konzentriert.

Marco Bruggmann studiert an der ETH Architektur. Er hat 5 Kolleginnen und Kollegen motiviert, will eine städtebauliche Vision für Uzwil erarbeiten. Eine Woche haben sie analysiert, interviewt, Fakten zusammengetragen. Diese Grundlagenarbeit steckt nun in 9 Couverts, ist Stoff für weitere 7 Kolleginnen und Kollegen. Sie sollen am Samstag zusätzliche Ideen einbringen und gehen dann wieder.

Zum Ergebnis, der städtebaulichen Vision, hat mich die Organisationsfähigkeit der jungen Menschen beeindruckt: sich ein ambitiöses Ziel stecken, dieses aufteilen, Menschen zum Mitmachen gewinnen, in wechselnden Teams dran arbeiten. Am Schluss zusammenfügen und in Deutsch und Englisch präsentieren. Das hätten die 69-er auf diesem Niveau kaum gekonnt. Eine reife Listung. Auch weil man in der Schule mehr im Team arbeitet? Offenbar macht unser Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Hochschule vieles richtig.

Studieren

Intensivstudium an der Uni St.Gallen. Liefere vorzeitig eine Prüfung zum Thema Recht ab, will aus dem Weiterbildungszentrum Holzweid. Zufällig treffe ich eine Frau im Foyer. Portugiesin? Sie arbeitet im Unterhaltsdienst, Putzfrau quasi. Wir kommen ins Gespräch: Ja, es gebe einiges aufzuräumen, wenn sich sechs Gruppen mit dem selben Thema befassen. In den Räumen bleiben volle Flipcharts zurück, Pinnwände, Unterlagen. Und was macht die junge Frau? Sie fotografiert Flipcharts, studiert Gruppenergebnisse, liest Skripts. Weiterbildung en passant, Chapeau! 
Ob das ganz im Sinn der Uni ist? Nun, jedenfalls wird dort gelehrt, wie wichtig es ist, Wissen zu teilen. Und meine Schlussfolgerung:
Man kann bei jeder Arbeit studieren.

Kopfkissen

23. Dezember 2016, 16.25 Uhr, Mail-Eingang. Lese, bin nicht besonders überrascht. Alles im längst erwarteten Rahmen. Bis auf die letzten zwei Sätze im Mail. Da gibt es so Fragmente wie „wir verweisen Sie darauf“ – mit Betonung auf „Sie“. Und „fällige juristische Schritte einleiten“. Fällige, nicht allfällige. Es ist die Rede von „publizistisch aufnehmen“, was „sicher nicht nötig“ sein werde. Aha, eine unverblümte und unnötige Drohung. 
Reaktion? Sofort in die Tasten hauen. Zu den Fakten einen zornigen Exkurs zurückschreiben, was man von solchem Geschäftsgebaren halte. Nicht wegen der Rechtslage oder der Sache selbst, wegen des Tons. Alles hat Grenzen.
Wenn man früher am Abend einen geharnischten Brief schrieb, konnte man ihn am Morgen noch aus dem Postausgang fischen. Erkenntnis des Schlafs: Nicht überreagieren, auf unprofessionell professionell reagieren. Gelingt nicht immer. Und Asche aufs Haupt: man machts selbst nicht immer besser. 
Heute liegt zwischen Schreiben und Senden nur ein Mausklick. Der Zeitdruck ist hoch. Unters Kopfkissen legen, drüber schlafen ist noch schwieriger geworden. Aber nötiger.

Wunsch

Weihnachtszeit, Jahres-Ende. Wir wünschen uns eine beschauliche Adventszeit, ein geruhsames Weihnachtsfest im Kreis der Lieben, Glück und Gesundheit im Neuen Jahr. Ich schliesse mich gern an, wünsche Ihnen das Allerbeste.

Es wird wiederum so sein, dass man nicht jeden Gruss, jede Aufmerksamkeit, jedes Geschenk in gleichem Mass zurückgeben konnte, wie es sich eigentlich gehören würde. Wie soll man damit umgehen, ohne in inneren Stress zu geraten? Diesen Stress, den niemand wollte und der diese festliche Zeit ins Gegenteil des Beschaulich-Geruhsamen verkehrt?

Schreiben Sie sich auch selbst eine Karte, zu Weihnachten und zu Neujahr, stellvertretend für alle, die es nicht mehr geschafft haben, Ihnen zu schreiben, zum Beispiel ich. Danke!

Einfall

„Das hätte ich doch noch sagen wollen! Und warum ist mir dieses Argument erst jetzt eingefallen?“ Wer frei vor Menschen spricht, dürfte dieses Problem kennen. Oft glaubt man, der einzige zu sein, dem die massgeschneiderte Antwort erst nachher einfällt. Die allgemeine Umfrage an einer Bürgerversammlung ist so ein Feld. Hier kann man klar denken bei erhöhtem Puls testen. Die „richtige“ Antwort auf die durchbrennenden Strassenlampen ist mir auf dem Heimweg eingefallen. Und von den Unterflurbehältern und Abfallsammelstellen habe ich geträumt. Darauf hätte ich allerdings verzichten können – auch ohne Argument.

Doppel

„Das Bürgerrecht, wozu braucht man das überhaupt? Könnte man nicht ganz gut auch ohne in der Schweiz leben?“ Das war gestern eine Frage am Stammtisch. In der heutigen mobilen, ja flüchtigen Welt, kann man sich das durchaus fragen. Schliesslich darf man sich ja auch ohne Bürgerrecht hier aufhalten, wenn man darf.Wurzeln schlagen ist ein langsamer Prozess. In der Natur staunt man, wo er überall gelingt, auf Steinbrocken, im Wasser, an den unwirtlichsten Orten. 

Wurzeln schlagen bedeutet das Ende der Mobilität. Einmal verwurzelt, ist die Umgebung, die Nachbarschaft bestimmt. Man tritt in eine Symbiose ein, kann nicht mehr schnell weg. Da lohnt es sich zu wissen, wo man wurzeln will. Und wer dieser Nachbar ist. Gegenseitig. Es braucht Regeln, sorgfältige Prozesse. Weil das Bürgerrecht verpflichtet. 

Was ich noch nicht herausgefunden habe: Was ist der sachliche Grund dafür, dass man ein Doppelbürgerrecht haben kann?