Abschluss

Das Wort ‚Abschluss‘ vermittelt den Eindruck, dass etwas fertig sei. Dabei: während die Gemeinden landauf landab von ihren guten Steuerabschlüssen berichten, kommt schon wieder Papier ins Haus, die nächste Steuererklärung, die provisorische Rechnung fürs 2018. Ärgerlich für alle, abgeschlossen ist das nie. Egal, wie viel man an Steuern bezahlen muss, jeder Franken ist gefühlt zu viel. Weil man ihn ins Verhältnis zu dem setzt, von dem man glaubt, was andere zahlen müssen und nicht zum eigenen Einkommen. Noch schwieriger ist es mit der Gegenleistung. Sie ist in ihrer Gesamtheit und mit ihren Wechselbeziehungen kaum zu erfassen. Und interessanterweise ist vielen Menschen, die in absoluten Zahlen viel an Steuern zahlen müssen, der solidarische Gedanke dahinter sehr klar. Danke sagen für den ehrlichen Beitrag zur Gemeinschaft, das tue ich namens des Gemeinderats Allen!

Vorbild

„Wenn ich einmal … bin, dann werde ich …!“ In diesen Lückentext könnte man sich als Vater mit seinen Erziehungsideen setzen. Oder als Autofahrer, dessen Karriere im Verkehr zu Ende geht. Oder als Herz-/Kreislaufpatient, der gesünder essen und Bewegung gelobt. Oder als Lottogewinner mit caritativen Absichten. Oder als Chef, der Zeit hat, wenn er keine hat.

Ich finde es wichtig, eine Vorstellung zu haben, wie man es machen würde. Auch wenn man Gefahr läuft, dass man vom Umfeld an seine hehren Absichten erinnert wird. Wer sich festlegt, ist angreifbar und wer es nie tut, ist wohl bedeutungslos.

Das Scheitern am eigenen Idealbild senkt die Ansprüche gegenüber den Mitmenschen und macht vorsichtig – das Umfeld dankt.

Es ist nicht einfach, gegen Vorbilder anzukämpfen und noch schwieriger eins zu sein. Was die Sache jedoch entspannt: jeder ist ein Vorbild, auch der, der dem anderen vorwirft, keins zu sein.

Thuri Montibeller, pensionierter Mitarbeiter unseres Werkhofs und lebensfroher Zeitgenosse, meinte kürzlich: „Man lernt nur, wenn es einem nahe geht!“

Schlüssel

Dies ist die erste Ausgabe des Uzwiler Blatts im Neuen Jahr, erste Gelegenheit also, Ihnen auf diesem Weg alles Gute, Glück und Gesundheit zu wünschen. Auf dass Sie den Schlüssel finden. Ihren Schlüssel, den richtigen Schlüssel, wozu auch immer. Oft hat man ihn ja selbst in der Hand. Und verlegt ihn, allen guten Vorsätzen zum Trotz.

Welches der richtige Schlüssel ist? Das kommt auf das Schloss an. Ein Schloss ist ja gerade dazu da, Menschen aufzuhalten: jene, die man fernhalten will und jene, die den Schlüssel suchen. Mehr kann es nicht. Ein Schloss stiftet damit vor allem Bedenkzeit. Diesen Nutzen erkennt man freilich kaum, wenn der Adrenalinspiegel hoch ist.

Suchzeit ist keine Denkzeit. Drum ist es sinnvoll, sich in einer Zeit der relativen Ruhe zu überlegen, zu welchem Schloss man gern einen Schlüssel hätte, wo man ihn deponiert und wem man ihn gibt.

Kurt Marti, Heimleiter des Seniorenzentrums, meinte kürzlich: „Weshalb nur findet man den Schlüssel immer dort, wo man ihn ‚zletzt suecht‘?“

Vielleicht liegt es am Schloss?

Treppe

Die Holz-Treppe im alten Gemeindehaus knarrte und ächzte auf besondere Weise. Sie meldete automatisch, wer im Haus war. Ihre Tritthöhe war jenseits der Norm, zum Stolpern klein – eine zusätzliche Herausforderung, wenn man nachts zu faul für den Weg zum Lichtschalter war. Die Treppe war Verkehrsweg und Treffpunkt. Man konnte auf ihr rauf und runter rasen und wusste, an welchen Staketen man sich in der Kurve festhalten konnte und welche lose waren. Früher sei man sogar auf dem Geländer runtergerutscht und es habe Wettbewerbe gegeben, wer mehr Stufen runterspringen könne. Aber das sind Anekdoten.

Es gibt viele Dinge, die wir jeden Tag benützen, ohne viel darüber nachzudenken. Und es gibt Menschen, deren ächzen und knarren wir kennen, ohne es wahrzunehmen. Die ausser der Norm sind und doch vertraut. Wo wir zu faul sein können, vorbeirasen dürfen oder ausgelassen sein. Wo wir drei Stufen nehmen können oder auch anhalten, durchschnaufen.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Weihnachtszeit und viele schöne Erlebnisse mit Ihrer eigenen Treppe.

Linie

Ein Bub zupfte mich diesen Sommer am Ärmel: «Sie habe ich in meinem Schulheft!» Ich musste schmunzeln. Eine öffentliche Person sein, hat gelegentlich lustige Facetten. Im Gegensatz zum jüngsten Ereignis, das mich nervt und ärgert:

Künstler stellen ihre Werke auf dem Uzwiler Skulpturenweg aus, noch bis Mitte Dezember. Unter anderem gibt es eine Installation der Gruppe Montagsmaler am Lindenplatz. Sie haben Köpfe des Gemeinderats in Stein gemeisselt und in eine Hecke gesetzt. Drei Skulpturen wurden verschmiert. Die Presse spricht von einem Farbanschlag.

Wer sich in den öffentlichen Raum vorwagt, exponiert sich. Das gilt für die Künstler wie für den Gemeinderat. Und man darf dabei sicher nicht wehleidig sein, es gibt nicht nur amüsantes Ärmelzupfen. In Stein gemeisselt und ausgestellt werden, muss man aushalten.

Hier jedoch ist die rote Linie überschritten. Mit dem Farbanschlag ist, abgesehen vom Schaden, der Respekt vor der Arbeit der Künstler verletzt. Und der Respekt vor meinen Kolleginnen und Kollegen des Gemeinderats.

Was ich jetzt erwarte? Dass die Verantwortlichen hinstehen, ob Lausbuben oder Akteure mit Hintergedanken. Das muss der Gemeinderat auch. Beispielsweise wieder am Montag an der Bürgerversammlung.

Gute Frage

„Wie können Verkehrsprobleme gelöst werden?“ „Können Roboter pflegen?“. Regelmässig landen Fragen wie diese auf meinem Tisch. Junge Leute gehen aktuellen Fragen auf den Grund. In Diplom-, Projekt- oder Matura-Arbeiten tragen sie Fakten und Meinungen zusammen und ziehen ihre Schlüsse. Ich versuche, möglichst oft mitzumachen. Ist Ehrensache.

Interessant sind Herangehensweise und Stil. Der Eine stellt ein paar Fragen per Mail und hofft auf druckreife Antworten. Der Nächste liefert vorab das Ergebnis seiner umfangreichen Analyse, er will Lücken füllen. Wiederum Andere plaudern drauflos und nehmen das Interview mit dem Handy auf.

Manchmal bekommt man die Schlussfassung dieser Arbeiten und staunt über die Unterschiede. Und wie erklären sich diese? Das ist eine gute Frage. Es könnte an der Frage liegen. Wenn sie oberflächlich, ungenau und substanzarm ist, man sie mit fünf Minuten eigenem Nachdenken lösen könnte, wird’s schwierig.

Eine gute Frage macht neugierig, im besten Fall ist sie ein Geschenk.

Deponiert

60-er Jahre. Es herrscht Notstand. Die Menge an Siedlungsabfall explodiert. Immer mehr Plastik und Metall wird weggeworfen. In Uzwil will man den Abfall zuerst sortieren und dann schreddern. Das funktioniert schlecht. Auch die Kehricht-Verbrennung macht Probleme. Die Deponien in der Region sind voll.

Das ist die Geburtsstunde des Zweckverbands Abfallverwertung Bazenheid, kurz ZAB. Er funktioniert, auch heute noch. Dass das nicht immer so war, zeigen die Altlasten. Es gibt alte Deponien in der Region, die punktuell wieder befestigt, teilweise auch saniert werden müssen. Und wer zahlt? 50 Jahre später noch präzis mit Lieferscheinen nachweisen, wer was abgelagert hat, ist schwierig. Es drohen komplexe Streitigkeiten, schliesslich geht es um zig-Millionen. Fortsetzung folgt.

Wer Abfall ablagert, deponiert ein Problem.

Anwalt

„Valentin Landmann und die Panzerknacker“, so heisst der Buchtitel. Und wer dem bekannten Rechtsanwalt zuhört, erfährt wenig über die Unterwelt, das nicht einleuchtet. Nämlich, dass Verbrecher auch gern Gipfeli zum Frühstück essen und vor allem ökonomisch denken: was sich nicht lohnt, wird nicht verbrochen – von Ausnahmen abgesehen. Ein Spitzengangster muss intelligent sein, Sachkenntnis haben, etwas von Führung verstehen, sich durchsetzen können. Er muss sich vor allem aufs Risikomanagement verstehen, weil Risiko kostet.

Landmann macht eine Form von Übersetzungsarbeit. Wer mehr versteht, handelt besser. Darin sieht er auch ein Problem: wirkt die Gesetzgebung fehlen die Fälle. Eine Regel, die für grosse Probleme gedacht ist, wird dann auf kleine angewendet.

Warum jemand im Leben falsch abbiegt, wird nicht erklärt und schon gar nicht gutgeheissen. Einer Gemeinde wird gelegentlich mit dem Anwalt gedroht. Das muss gar nicht schlecht sein. Manchmal ist anwaltliche Übersetzungsarbeit nötig. Auf beide Seiten.

Unzugänglich

Wenn Sie die Zahlenreihe 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29 usw. sehen, ist alles klar. Das sind Primzahlen, nur durch 1 und sich selbst teilbar. Schon die alten Griechen wussten, dass es unendliche viele davon gibt. Aber gibt es ein System dahinter oder ist die Reihenfolge zufällig?

Der Mathematiker David Hilbert stellte 1900 in Paris 23 ungelöste Probleme vor. 3 davon sind es immer noch. Eines ist die ‚Riemannsche Vermutung‘. Alle Rechnerkapazität auf Erden konnte Bernhard Riemanns Vermutung weder bestätigen noch widerlegen. Er vermutete einfach gesagt, dass Primzahlen in jedem bestimmten Bereich vorhersehbar seien und lieferte eine Formel dafür. Aber ob sie stimmt? Man weiss es nicht. Wer den Nachweis schafft, dem winkt eine Million Dollar.

Nur eine Handvoll Experten durchdringen solche Themen. Nur weil man sie nicht (ganz) versteht, heisst es nicht, dass sie nicht relevant sind. In unserer Welt kommt man nicht umhin, anderen zu vertrauen. Das fällt leichter, wenn man mehr versteht. Ein Freund erinnerte mich gestern, dass auch bei uns einige Menschen kaum lesen und schreiben können. Das ist gefährlich, für die Ungebildeten und die Gesellschaft. Vielleicht sollte die Volksschule nicht an ein Alter, sondern an ein Niveau gebunden sein?

Früchte

Herbst, Erntezeit. Und wer, ausser den betroffenen Landwirten, erinnert sich noch an den Frost vom Frühjahr? Die Gestelle sind voll, die Auslage von Früchten und Gemüse ebenso.

Martin Müller beschreibt in seinem Buch «Geschichte der Gemeinde Henau» die Hungersnot von 1816/17. Der Winter 1815/16 brachte unerhört viel Schnee. Der Frühling begann mit erschreckenden Niederschlägen. Der Sommer war nass und kalt. Die Kartoffeln verfaulten. Das wenige Getreide wurde durch fürchterliche Hagelwetter vernichtet. Kaum ein Sechstel des üblichen Ertrags konnte geerntet werden. Folge: galoppierende Inflation. Die Leute assen Katzen, Hunde, Gras und Schnecken. Am 18. Dezember 1817 erlaubte der Gemeinderat 34 Familien das Betteln, am 14. Januar waren es 47 – zuviele. Dann wurde betteln verboten, weil es nichts mehr zu betteln gab. Die Sterblichkeit verdreifachte sich. In 12 Wochen gab eine einzige Suppenküche 21 700 Portionen aus. Die Gemeinde kaufte im Ausland Getreide, startete ein Arbeitsprogramm, verschuldete sich, musste die Steuern erhöhen.

Erkenntnisse:

1. Dankbar sein.

2. Solide Strukturen schaffen.

3. Solidarität braucht Führung.