Linie

Ein Bub zupfte mich diesen Sommer am Ärmel: «Sie habe ich in meinem Schulheft!» Ich musste schmunzeln. Eine öffentliche Person sein, hat gelegentlich lustige Facetten. Im Gegensatz zum jüngsten Ereignis, das mich nervt und ärgert:

Künstler stellen ihre Werke auf dem Uzwiler Skulpturenweg aus, noch bis Mitte Dezember. Unter anderem gibt es eine Installation der Gruppe Montagsmaler am Lindenplatz. Sie haben Köpfe des Gemeinderats in Stein gemeisselt und in eine Hecke gesetzt. Drei Skulpturen wurden verschmiert. Die Presse spricht von einem Farbanschlag.

Wer sich in den öffentlichen Raum vorwagt, exponiert sich. Das gilt für die Künstler wie für den Gemeinderat. Und man darf dabei sicher nicht wehleidig sein, es gibt nicht nur amüsantes Ärmelzupfen. In Stein gemeisselt und ausgestellt werden, muss man aushalten.

Hier jedoch ist die rote Linie überschritten. Mit dem Farbanschlag ist, abgesehen vom Schaden, der Respekt vor der Arbeit der Künstler verletzt. Und der Respekt vor meinen Kolleginnen und Kollegen des Gemeinderats.

Was ich jetzt erwarte? Dass die Verantwortlichen hinstehen, ob Lausbuben oder Akteure mit Hintergedanken. Das muss der Gemeinderat auch. Beispielsweise wieder am Montag an der Bürgerversammlung.

Gute Frage

„Wie können Verkehrsprobleme gelöst werden?“ „Können Roboter pflegen?“. Regelmässig landen Fragen wie diese auf meinem Tisch. Junge Leute gehen aktuellen Fragen auf den Grund. In Diplom-, Projekt- oder Matura-Arbeiten tragen sie Fakten und Meinungen zusammen und ziehen ihre Schlüsse. Ich versuche, möglichst oft mitzumachen. Ist Ehrensache.

Interessant sind Herangehensweise und Stil. Der Eine stellt ein paar Fragen per Mail und hofft auf druckreife Antworten. Der Nächste liefert vorab das Ergebnis seiner umfangreichen Analyse, er will Lücken füllen. Wiederum Andere plaudern drauflos und nehmen das Interview mit dem Handy auf.

Manchmal bekommt man die Schlussfassung dieser Arbeiten und staunt über die Unterschiede. Und wie erklären sich diese? Das ist eine gute Frage. Es könnte an der Frage liegen. Wenn sie oberflächlich, ungenau und substanzarm ist, man sie mit fünf Minuten eigenem Nachdenken lösen könnte, wird’s schwierig.

Eine gute Frage macht neugierig, im besten Fall ist sie ein Geschenk.

Deponiert

60-er Jahre. Es herrscht Notstand. Die Menge an Siedlungsabfall explodiert. Immer mehr Plastik und Metall wird weggeworfen. In Uzwil will man den Abfall zuerst sortieren und dann schreddern. Das funktioniert schlecht. Auch die Kehricht-Verbrennung macht Probleme. Die Deponien in der Region sind voll.

Das ist die Geburtsstunde des Zweckverbands Abfallverwertung Bazenheid, kurz ZAB. Er funktioniert, auch heute noch. Dass das nicht immer so war, zeigen die Altlasten. Es gibt alte Deponien in der Region, die punktuell wieder befestigt, teilweise auch saniert werden müssen. Und wer zahlt? 50 Jahre später noch präzis mit Lieferscheinen nachweisen, wer was abgelagert hat, ist schwierig. Es drohen komplexe Streitigkeiten, schliesslich geht es um zig-Millionen. Fortsetzung folgt.

Wer Abfall ablagert, deponiert ein Problem.

Anwalt

„Valentin Landmann und die Panzerknacker“, so heisst der Buchtitel. Und wer dem bekannten Rechtsanwalt zuhört, erfährt wenig über die Unterwelt, das nicht einleuchtet. Nämlich, dass Verbrecher auch gern Gipfeli zum Frühstück essen und vor allem ökonomisch denken: was sich nicht lohnt, wird nicht verbrochen – von Ausnahmen abgesehen. Ein Spitzengangster muss intelligent sein, Sachkenntnis haben, etwas von Führung verstehen, sich durchsetzen können. Er muss sich vor allem aufs Risikomanagement verstehen, weil Risiko kostet.

Landmann macht eine Form von Übersetzungsarbeit. Wer mehr versteht, handelt besser. Darin sieht er auch ein Problem: wirkt die Gesetzgebung fehlen die Fälle. Eine Regel, die für grosse Probleme gedacht ist, wird dann auf kleine angewendet.

Warum jemand im Leben falsch abbiegt, wird nicht erklärt und schon gar nicht gutgeheissen. Einer Gemeinde wird gelegentlich mit dem Anwalt gedroht. Das muss gar nicht schlecht sein. Manchmal ist anwaltliche Übersetzungsarbeit nötig. Auf beide Seiten.

Unzugänglich

Wenn Sie die Zahlenreihe 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29 usw. sehen, ist alles klar. Das sind Primzahlen, nur durch 1 und sich selbst teilbar. Schon die alten Griechen wussten, dass es unendliche viele davon gibt. Aber gibt es ein System dahinter oder ist die Reihenfolge zufällig?

Der Mathematiker David Hilbert stellte 1900 in Paris 23 ungelöste Probleme vor. 3 davon sind es immer noch. Eines ist die ‚Riemannsche Vermutung‘. Alle Rechnerkapazität auf Erden konnte Bernhard Riemanns Vermutung weder bestätigen noch widerlegen. Er vermutete einfach gesagt, dass Primzahlen in jedem bestimmten Bereich vorhersehbar seien und lieferte eine Formel dafür. Aber ob sie stimmt? Man weiss es nicht. Wer den Nachweis schafft, dem winkt eine Million Dollar.

Nur eine Handvoll Experten durchdringen solche Themen. Nur weil man sie nicht (ganz) versteht, heisst es nicht, dass sie nicht relevant sind. In unserer Welt kommt man nicht umhin, anderen zu vertrauen. Das fällt leichter, wenn man mehr versteht. Ein Freund erinnerte mich gestern, dass auch bei uns einige Menschen kaum lesen und schreiben können. Das ist gefährlich, für die Ungebildeten und die Gesellschaft. Vielleicht sollte die Volksschule nicht an ein Alter, sondern an ein Niveau gebunden sein?

Früchte

Herbst, Erntezeit. Und wer, ausser den betroffenen Landwirten, erinnert sich noch an den Frost vom Frühjahr? Die Gestelle sind voll, die Auslage von Früchten und Gemüse ebenso.

Martin Müller beschreibt in seinem Buch «Geschichte der Gemeinde Henau» die Hungersnot von 1816/17. Der Winter 1815/16 brachte unerhört viel Schnee. Der Frühling begann mit erschreckenden Niederschlägen. Der Sommer war nass und kalt. Die Kartoffeln verfaulten. Das wenige Getreide wurde durch fürchterliche Hagelwetter vernichtet. Kaum ein Sechstel des üblichen Ertrags konnte geerntet werden. Folge: galoppierende Inflation. Die Leute assen Katzen, Hunde, Gras und Schnecken. Am 18. Dezember 1817 erlaubte der Gemeinderat 34 Familien das Betteln, am 14. Januar waren es 47 – zuviele. Dann wurde betteln verboten, weil es nichts mehr zu betteln gab. Die Sterblichkeit verdreifachte sich. In 12 Wochen gab eine einzige Suppenküche 21 700 Portionen aus. Die Gemeinde kaufte im Ausland Getreide, startete ein Arbeitsprogramm, verschuldete sich, musste die Steuern erhöhen.

Erkenntnisse:

1. Dankbar sein.

2. Solide Strukturen schaffen.

3. Solidarität braucht Führung.

Bitzeli

In unserer Umgangssprache fallen drei Worte auf: „achli“, „ä bitzli“ und „eigentli“. Wozu eigentlich diese Verkleinerungsformen? War das nicht ganz so ernst gemeint? Doch, doch! Es war sehr ernst gemeint, kein bisschen abgeschwächt. Wer ä bitzeli an den Herbstmarkt geht, kommt wahrscheinlich nicht so schnell wieder nach Hause. Der Gemeinderat will die Steuern achli senken.

Es hat etwas urschweizerisch-sympatisches, wenn man sich nicht grösser macht, als man ist. Es macht auch weniger angreifbar. Die Verkleinerungsform schützt vor Rechtfertigung, ist auch eine Tarnung. Dafür nimmt sie einem Entscheid Kraft und Energie. Muss nicht sein!

Machen Sie den Versuch und Sie verzichten auf „achli“, „ä bitzeli“ und „eigentli“. Sie gehen an den Herbstmarkt und der Gemeinderat senkt den Steuerfuss.

Zaudern

Waldegg. Ein Mann geht eilig am Strassenrand, offensichtlich gen Bahnhof. Ich sehe ihn aus dem Auto. Als ich auf gleicher Höhe bin der Gedanke: „Mitnehmen?“

Für gewisse Entscheide gibt es ein Zeitfenster. Sind sie vorbei, geht die Welt weiter. „Ah chum!“

Aber war das wirklich zu spät? Oder nur eine bequeme Ausrede? Am Ende der Brumoosstrasse wende ich wider den inneren Schweinehund, fahre zurück, einmal um den Waldeggkreisel und wieder die Strasse hoch, Scheibe runter.

Von guten Taten erzählen, gehört sich nicht. Jede und Jeder haben schon Wartende an der Bushaltestelle nach ihrem Ziel gefragt und mitgenommen. Was mich jedoch erstaunt hat ist, wie weit jemand in dieser Zeit zu Fuss kommt.

Zaudern muss schneller gehen.

Keine

Der Vorgang lässt sich auf verschiedene Themen, auch auf aktuelle und medial diskutierte übertragen. Er sei am Beispiel von geplanten grösseren Überbauungen beschrieben: Bauherrschaft und Architekt stellen ihre Pläne der Nachbarschaft vor. Die Gemeinde ist auch dabei, gehört sich so. Am Schluss die Fragerunde. Früher fand ich es ungerecht, dass dann jeweils die Gemeinde in Kreuzverhör genommen und x Fragen beantworten musste, teils mit emotionalem Unterton. Bis mir ein Bauherr augenzwinkernd erklärte, weshalb die Gemeinde und nicht der Private ‚angeschossen‘ werde: „Wir machen eben auch keine Fehler!“

Reisezeit

07:08 Uhr, Hauptverkehrszeit, will mit dem Zug nach St.Gallen. Ich wähle einen Stehplatz im Eingangsbereich, drück mich in eine Ecke, um fünf jungen Damen Platz zu machen. Die Teenies diskutieren. Bewusst versuche ich, dem intimen Gespräch über neuste Frisuren nicht zuzuhören, fühle mich belustigt deplatziert, starre an die Decke, aus dem Türfenster. Trotz Weghören erfahre ich unfreiwillig, wie man sich selbst mit Hilfe eines Schwamms ein Kunstwerk auf den Kopf flechtet, spiegelverkehrt nota bene. Ich könnte das nicht.

Muss schmunzeln, als eine junge Frau wortreich beschreibt, wie sie extra um fünf Uhr aufsteht, um das Badezimmer eine halbe Stunde für sich zu haben, ohne den Vater, der stört. 

Hat sie grad mich angeschaut? Ich sag ja gar nichts. Wer für sich sein will, muss eben früher ins Bad. Oder früher auf den Zug.