4 Bauern

Capanna Corno Griess, die moderne SAC-Hütte ist in 2 1/2 Stunden vom Nufenen-Pass erreicht. Nach dem Aufstieg mit den Skis geniesst man Aussicht und Sonne. Es ist erst nach Mittag. Und was jetzt? Als Ungeübter mit möglichen Profis jassen und dann noch ‚Coiffeur‘? Ein mulmiges Gefühl.

Wenn man mit Freunden auf eine mehrtägige Skitour geht, schwingt die leise Angst mit: schaff ich das? Karten und Berichte geben etwas Sicherheit, aber man kennt eben auch den eigenen Trainingsstand.
Ein neues Spiel wagen, eine neue Tour wagen – vielleicht macht es Mut, wenn man weiss, dass andere diese Zweifel auch haben, ob sie’s können, schaffen. Auch wenn man es ihnen nicht ansieht. Und vielleicht wird man ja vom Glück begünstigt. Zum ersten Mal im Leben hatte ich beim Jassen vier Bauern. Und was nützen die beim Coiffeur? Nichts. Glück haben, wenn man es nicht braucht, das macht glücklich.

Milchmann

Besuch bei der Spitex an der Birkenstrasse. Wie ist der Stand der Dinge? Eine feine Einrichtung ist das, die Spitex, mit ihren flexiblen Mitarbeiterinnen. Der Einsatzplan zeigt: Kein Tag wie der andere. Und trotzdem muss alles geplant sein.

Neue Aufgabenfelder kommen auf die Gesundheitsversorgung zu. Demenz, anspruchsvolle Wundbehandlung, mehrfache Keimresistenz, der „blutige Patient“ aus dem Spital. Die Stichworte sind einfacher geschrieben als umgesetzt. Auch die Unterstützung im Alltag, wenn die mentale und die körperliche Kraft fehlt, kann für alle anspruchsvoll sein. Ein Kernbedürfnis hingegen ist konstant: Menschen möchten, dass man sie nicht nur als Kunden behandelt, sondern ihnen als Menschen begegnet.
Ohnehin ändert nicht alles so schnell. Auf die Kommunikationswege der Spitex angesprochen, schmunzelt Helen Bühler: Sie haben zwar den Milchmann abgeschafft, aber nicht den Milchkasten!

Lebenserwartung

Rentenreform. National- und Ständerat versuchen, sich zu einigen. Was sie auch tun werden, es wird unpopulär. Rente um mickrige 70 Franken erhöhen? Unpopulär. Rentenalter erhöhen? Unpopulär. Umwandlungssatz senken? Unpopulär. Nichts tun, geht auch nicht. Und nur an Eigenverantwortung appellieren geht auch nicht, weil man mit sich selbst schlecht solidarisch sein kann.

Was also tun? Feinere, kleinere, schnellere Kurskorrekturen! Das ist jetzt schon der x-te Anlauf für eine Rentenreform. Wenn es jedes Mal Jahre dauert, bis sich die Bundesversammlung in so komplexen Themen geeinigt hat, fährt das Schiff zu lange in die falsche Richtung. Der Umweg wird gross, auch für die Menschen, die mit den unverrückbaren Positionen Kurskorrekturen verhindern.

Es wird also ohnehin unpopulär. Auch Kompromisse sind unpopulär. Wer sie vermittelt, muss sich je nach Partei Wischiwaschi oder Abweichler schimpfen lassen, weil er die Unzufriedenheit gleichmässig verteilt. Das ist aber im Sinn der Sache gut zu ertragen: „National- und Ständeräte, das Volk und die Gemeinden brauchen eine Rentenreform! Niemand kennt die Zukunft. Deshab besser mehrere kleine Schritte machen. So hat man den besseren Stand, ist beweglicher, kann die Wirkung besser abschätzen, als mit einem grossen Schritt! Aber dafür müsst Ihr Euch zusammenraufen, heute und morgen.“

Und: weshalb nicht bereits mit 18 in die Pensionskasse einzahlen statt erst mit 25? Das gäbe 7 Jahre Lebenserwartung.

Zentrum

Jedes Zentrum schliesst ein anderes Zentrum aus. Es soll magnetisch wirken, aus sich heraus. Man sollte ohne Erklärung spüren, dass man in der Mitte, im Herz ist. Ob man das schaffen kann? Ja, weil auch jedes andere Zentrum, das wir als solches empfinden, genau so entstanden ist. Aus einer inneren Überzeugung, dass das ein guter Ort sei.

Wenn eine Firma ein Produkt, eine Maschine verkauft, dann verkauft sie ein Stück Zukunft: Der Käufer braucht die innere Überzeugung, dass er damit die Herausforderungen von morgen besser bewältigt. Und seinerseits einen Beitrag ‚for a better world‘ leisten kann.

Uzwil hat Erfahrung und grosse Kompetenzen darin, diesen Glauben an die Zukunft in die Welt zu tragen. Man muss sich deshalb nicht als Nabel der Welt fühlen. Aber sein Licht unter den Scheffel stellen? Auch nicht. Uzwil wird nicht übermütig oder übermutig. Und Schritt für Schritt vorwärts machen, für die Anforderungen von morgen. Auch Morgen sucht noch jeder sein eigenes Zentrum und will es mit anderen teilen.

Power

So viel wie möglich auf der untersten Ebene erledigen. Und auch die Kompetenzen dort ansiedeln. So organisiert sich die Schweiz, „Subsidiaritätsprinzip“ genannt, abgeleitet vom lateinischen Subsidium (Hilfe, Reserve). Der Obere (Kanton) soll nur dann helfend eingreifen, wenn der Untere (Gemeinde) überfordert ist.

„Helfend“ wäre das Stichwort, wäre. Am Subsidiaritätsprinzip wird gern geknabbert. Immer mehr Aufgaben ziehen Bund und Kanton aus fadenscheinigen Gründen an sich, weil man dort Vielfalt und Kreativität nur schwer erträgt. Die ‚Oberen‘ wollen gern eine perfekte Welt, welche die ‚Unteren‘ unnötig finden. Umgekehrt ist es leider auch so, dass die ‚Unteren‘ heisse Kartoffeln gern nach oben schieben.

Wie tritt man diesem Trend entgegen? Indem man sich verstärkt, verbündet. Hier will der Gemeinderat in den nächsten vier Jahren den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Er will trag- und leistungsfähige Kooperation schaffen, einen neuen Reifegrad erreichen. Mit den Nachbarn auf Augenhöhe. Gemeinsam steuern, gemeinsam verantworten. Für mehr Power an Uze, Glatt und Vogelsberg. Ob „first“ oder „second“ ist egal.

Fehler

Abstimmungssonntag. Renate Höhener und Cornelia Stauffer, die beiden Stimmenzählerinnen, sind ausgesperrt. Sie stehen vor dem verschlossenen Pfarrhaus in Henau. Jahrelang hat es bestens geklappt. Die beiden konnten die Urne im geheizten Vorraum ‚hüten‘. Ausgerechnet an diesem kalten Morgen ist das Haus zu. Wer hat einen Schlüssel? Bis dieser aufgetrieben ist, ist die Hälfte der Öffnungszeit vorbei, haben 20 Leute abstimmen wollen, sind die Damen durchgefroren. Die beiden Stimmenzählerin bewiesen auch hier Durchhaltevermögen – Danke!

Die Fehlerquelle ist eruiert, ein Ersatzschlüssel künftig greifbar. Und gleichzeitig steht die Frage: Wie gehen wir mit Fehlern und Missgeschicken um? Alles lief richtig. Die Mesmerin hatte das Haus wie stets aufgemacht. Ein Nächster hat pflichtgemäss geschlossen. Wahrscheinlich wird uns dereinst das elektronische Abstimmen, E-Voting, diese überschaubaren Fehler nehmen. Und durch andere ersetzen.

Auslassen

Vor Publikum. Im Geist stellt man sich vor, was und wie man etwas sagen will, übt mehrfach. So oft, bis man es verinnerlicht hat. 
Und dann kommt der Moment des Vortragens. Markus Schwizer, unser Bauverwalter, fragte, kürzlich nach einem Anlass, weshalb ich dies Thema ausgelassen oder vergessen hätte. „Was? Vergessen? Sicher nicht!“
Er lacht mich an: 5 Mal üben ist die sicherste Methode etwas auszulassen und vom Gegenteil überzeugt zu sein.

Durchlässig

Jeder kann alles werden, ob Frau, ob Mann. Egal, wie die Noten in der sechsten Klasse waren, wie sie soziale Herkunft ist. Auch eine Berufsmatura öffnet die Türen zu den Fakultäten. Toll, wie durchlässig Bildung heute ist.
Konsequenz: Weiterbildung! Man ist nie fertig mit lernen. Das setzt Menschen von innen unter Druck. Man genügt dem System und sich nicht. 

Nun liegt das spannende Intensivstudium an der Uni ein Jahr zurück. In meinem Rücken stehen Ordner mit dem versammelten angesammeltem Wissen. Erkenntnis: Ist die Lerngeschwindigkeit höher ist als die Umsetzungsgeschwindigkeit, resultiert Stillstand. Auch das steht sicher in einem Ordner. Und die Lösung?

Schmerz

Einfache Rezepte für komplexe Themen? Gut, wenn es das gibt. Nichts soll komplexer gemacht werden als nötig. Zu einfache Rezepte sind hingegen eine Beleidigung für das Auffassungsvermögen des Gegenüber: traut man (sich) nicht zu, mehr zu begreifen? 

Einreiseverbote, Mauern und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit gehören für mich zu diesen zu einfachen Rezepten, die Unternehmenssteuerreform III zu den zu komplexen. 

Die Lösung sehe ich darin, dass man nicht nur redet oder schweigt, sondern diskutiert. Und danach (!) entscheidet. Prüfstein: Die neue Lösung muss besser sein als die alte, Tempo ist wichtig, Richtung ist wichtiger.
In einer Demokratie gibt es nicht nur das Recht zu reden, man muss auch schweigen dürfen, zweifellos. Solange keine Partei Aussicht hat, 51 % zu erreichen, kann man opportunistisch und parteilos bleiben. Ist diese Marke überschritten, gibt es noch Reden, aber keine Diskussionen mehr. Es könnte sein, dass man sich dann die Augen reibt, selbst wenn man sich zur Mehrheit zählte. Plötzlich müssen Menschen für Versammlungs- oder Medienfreiheit kämpfen, Werte, die uns zu selbstverständlich geworden sind.

Woran man ein demokratisches Recht erkennt? Es ’schmerzt‘ einen, es dem andern zu geben. 

Kompetenzen

Feuerwehrdepot, der Saal dient als Atelier. Ein selbst gebautes Architekturmodell, Handskizzen, Fotos und Symbolbilder prägen den Raum. Die Tische sind zu einem Block zusammengeschoben. Junge Leute arbeiten konzentriert.

Marco Bruggmann studiert an der ETH Architektur. Er hat 5 Kolleginnen und Kollegen motiviert, will eine städtebauliche Vision für Uzwil erarbeiten. Eine Woche haben sie analysiert, interviewt, Fakten zusammengetragen. Diese Grundlagenarbeit steckt nun in 9 Couverts, ist Stoff für weitere 7 Kolleginnen und Kollegen. Sie sollen am Samstag zusätzliche Ideen einbringen und gehen dann wieder.

Zum Ergebnis, der städtebaulichen Vision, hat mich die Organisationsfähigkeit der jungen Menschen beeindruckt: sich ein ambitiöses Ziel stecken, dieses aufteilen, Menschen zum Mitmachen gewinnen, in wechselnden Teams dran arbeiten. Am Schluss zusammenfügen und in Deutsch und Englisch präsentieren. Das hätten die 69-er auf diesem Niveau kaum gekonnt. Eine reife Listung. Auch weil man in der Schule mehr im Team arbeitet? Offenbar macht unser Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Hochschule vieles richtig.